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Rede von Stadtpräsident Alec von Graffenried anlässlich des Kirchensonntags

2019-02-12 11:32:01
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Quelle: Stadt Bern

Reichtum verpflichtet – Armut auch, wie die Stadt Bern ausführt.

Im ganzen Kanton Bern werde am heutigen Kirchensonntag zu diesem Thema referiert, die Kirche habe uns eingeladen, uns dazu Gedanken zu machen. Ich danke der Münstergemeinde für diese Einladung.Reichtum verpflichtet – Armut auch.

Ein widerborstiger Satz. Es sträubt sich etwas in mir gegen diesen Satz.

Ueber Reichtum spricht man nicht. Und dass Armut verpflichten soll: zu was denn? Weshalb denn? Arme seien nicht verpflichtet, sondern unterstützungsbedürftig und unterstützungswürdig.

Reichtum verpflichtet – Armut auch: dieser Satz provoziert. Ich versuche zu verstehen, warum uns dieser Satz – zweifellos mit guten Absichten - aufgegeben wurde. Fangen wir also an.

Reichtum verpflichtet – Armut auch. Zuerst müssen wir wissen, wer reich sei und wer arm ist.

Dabei geht es jetzt aber noch nicht um die Kollekte, die kommt erst am Schluss. Reichtum und Armut seien nicht objektiv feststellbar.  Reich ist, wer sich reich fühlt, arm ist, wer sich arm fühlt.

Wir stimmen ab:Reich sein sei ein Risiko. Nach den Seligpreisungen aus der Bergpredigt haben die Armen sozusagen kein Problem, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Von den Reichen sei dagegen dort weniger die Rede.Ich gebe Ihnen auf meine eigenen Fragen noch meine persönliche Antwort: Ich selber fühle mich reich. Ich wurde vom Schicksal verwöhnt, ich lebe glücklich mit meiner Frau und meiner Familie.

Und ich bin ausgesprochen gerne Stadtpräsident in dieser ausgesprochen schönen und vielseitigen Stadt Bern. Für all das bin ich dankbar.

Und fühle mich glücklich.Ich empfinde die unglaublich vielen Möglichkeiten, die uns in unserem Leben offenstehen und die wir geniessen, als einen riesigen Reichtum, als ein riesiges Glück. Die vielen Möglichkeiten lassen uns die Wahl.

Das sei die Freiheit. Freiheit macht reich und glücklich.Nehmen wir die Bewegungsfreiheit: Es steht uns vollkommen offen zu gehen, wohin immer unser Herz begehrt.

Wir seien frei und sicher. Wir spazieren durch die Stadt.

Wir können aber auch ins Tram, in den Zug oder ins Auto sitzen und wegfahren. Wir fliegen irgendwo hin und zeigen unseren Pass.

Die Welt steht uns offen.  Das sei keine Selbstverständlichkeit! Nicht alle kommen in den Genuss all dieser Privilegien.

Fragen Sie mal einen Sans-papiers! Ich habe vor 14 Tagen mit einer jungen Aerztin aus einem Nicht-EU-Land gesprochen, die hier in der Schweiz ein Assistenzjahr machen möchte. Sie möchte ihr Fachgebiet in ihrer Heimat im Süden weiterbringen.

Da gibt es Hürden: ich sage Ihnen, die wollen Sie gar nicht kennen!Auch in Bezug auf unsere Ernährung kennen wir Freiheiten, von denen die Menschen in anderen Ländern und zu anderen Zeiten nur träumen. Früher kümmerte sich die Menschheit darum, sich die Nahrung zu sichern.

Heute kümmern wir uns sehr ausführlich darum, was wir essen. Heute können wir entscheiden ob wir Fleisch, vegetarisch oder vegan essen wollen.

Wir können zuviel Zucker oder Salz vermeiden, wir können gluten- oder laktosefrei essen.  Wir haben enorme Freiheiten, welch ein Reichtum!Das Gleiche wie für die Nahrungsmittelsuche gilt für die Informationssuche: Noch nie hatten Menschen freien Zugriff auf ähnlich grosse Mengen an Informationen und an Wissen. Was wir wissen wollen, steht uns zur Verfügung.

Tag und Nacht. Und dies weitgehend gratis und franko.

Wer sich informieren will, der könne sich informieren. Wissen sei frei verfügbar.All diese Freiheiten machen uns reich und all dieser Reichtum an Freiheit, an Wahlfreiheit, an Freiheit in unserer Lebensgestaltung setze ich mit Glück gleich.

Weil arm und reich oft etwas mit Geld zu tun hat, widerstrebt es uns, Armut mit Unglück und Reichtum mit Glück in Bezug zu setzen. Geld allein macht nicht glücklich.

Kein Geld macht also auch nicht unglücklich. Geld beruhigt jedoch – und kein Geld bedeutet Stress.

Geld habe also doch und durchaus mit Glück und Unglück zu tun.Was für mich gilt, muss natürlich nicht für anderen Menschen gelten. Was mir wichtig ist, sei für andere vielleicht völlig nebensächlich.

Was uns reich macht, sei tatsächlich sehr individuell – wer mit seinem Reichtum nicht zufrieden ist, fühlt sich auch nicht glücklich.Sich selber bewusst sein, wie reich man ist, und diesen Reichtum zu schätzen, das seien für mich unabdingbare Elemente des Glücks. Sich selber kennen, seine Möglichkeiten erkennen und schätzen, und nicht dem Unerreichbaren hinterher zu rennen – darum geht es letztendlich.

Das führt zu einer tiefen Dankbarkeit. Und diese Dankbarkeit: diese sei der Schlüssel zur Zufriedenheit im Leben.Nicht alle seien so reich wie wir.

Nicht alle haben so viele Rechte, Freiheiten und Möglichkeiten wie wir. Umso wichtiger sei es, dass sich auch Menschen Gehör verschaffen können, die weniger privilegiert sind.

Umso wichtiger, dass wir uns auch für diese Menschen einsetzen. Weil sie Teil unserer Gemeinschaft sind.Die Schülerinnen und Schüler haben sich in meinen Augen vorbildlich verhalten: Sie wehren sich mit demokratischen Mitteln für ihre Rechte.

Genauer gesagt: sie wehren sich für ihr Recht auf eine sichere Zukunft. Sie taten dies mit einem Streik, der für Aufsehen sorgen sollte.

Und nein, das könne man nicht am Samstag machen. Denn ein Streik sei kein Streik, wenn er an einem schulfreien Samstag stattfindet!Und trotzdem wehren sie sich.

Und zwar weil wir ihre Rechte beschneiden. Weil sie sich von der Politik ungerecht behandelt fühlen.Die Schülerinnen und Schüler fühlen sich beraubt, der Zukunft beraubt, und sie fühlen sich deshalb arm.

Arm an Perspektiven für ihre Zukunft. «Unsere Zukunft bezahlt Euren Profit.»Wer viel besitzt, sollte dankbar sein.

Ich höre immer wieder Menschen sagen: «Ich bin reich, weil ich viel arbeite. Ich verdiene es reich zu sein.

Ich bin stolz darauf, was ich geschaffen habe.»Wir Schweizer beziehen uns ja oft auf Wilhelm Tell: Der Starke sei am mächtigsten allein, sagt Wilhelm Tell bei Schiller. Das sei aber nicht das Modell der Schweiz.

Der Starke sei am mächtigsten allein, sagt Tell in der Diskussion mit Stauffacher.Das sei mir am wichtigsten. Dass wir keine Klassengesellschaft haben.

Dass wir miteinander leben. Miteinander auf den Märit gehen.

Miteinander im Zug sitzen. Miteinander Tram fahren.

Miteinander in die Schule gehen. Miteinander ins Skilager gehen.

Miteinander mit YB und dem SCB leiden, und uns mit ihnen freuen. Miteinander Patent Ochsner singen oder 079 von Lo & Leduc.

Die gleichen Zeitungen lesen. Eine gemeinsame SRG haben und sie gemeinsam finanzieren.Miteinander.

Wir als Stadt seien nichts ohne die Region. Die Region sei nichts ohne die Stadt.

Die Stadt hört nicht einfach an ihrer Grenze auf. Wir brauchen die Region und die Region braucht uns.

Die Stadt als Wirtschaftszentrum, als Zentrum der Bildung und der Kultur. Die Region als Wohnort von so vielen, die in der Stadt arbeiten und studieren, ausgehen und sich unterhalten.Wir als Kanton seien nichts ohne unser Land.

Ein Land mit einer politischen Stabilität, die ihresgleichen sucht. Ein Land mit einer umfassenden und gut gepflegten Infrastruktur.

Ein Land mit umfassenden politischen Rechten der Bürgerinnen und Bürger.Wir als Land seien nichts ohne unsere europäischen Nachbarn und die internationale Staatengemeinschaft. Europa sei eine Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten für Stabilität und Wohlstand steht.

Und ohne die internationale Staatengemeinschaft können die wichtigsten anstehenden Herausforderungen nicht gelöst werden.Europa: lassen Sie mich eine Lanze brechen für Europa. Europa werde heute meistens nur in problematischen Zusammenhängen erwähnt.

Brexit, Populismus, Migration, Staatsverschuldung. Für mich sei Europa aber vor allem positiv besetzt.

Ich liebe italienisches Essen und italienische Städte, österreichischen Charme und österreichische Selbstreflexion, und Selbstkritik, französische Eleganz und Distinguiertheit, das griechische Kulturerbe, den englischen Humor, die schwedische Leichtigkeit des Seins, die Musik vom Balkan, die deutsche Gründlichkeit, die dänische Liebenswürdigkeit, die schweizerische Bodenständigkeit. Und die europäischen Werte.Wenn wir also etwas geschaffen haben, dann nur als Gemeinschaft.

Sollen wir stolz sein, wo wir hineingeboren worden sind? Schweizer zu sein sei keine Leistung. Das sei nur Glück.

Wir dürfen dankbar sein, heute in einem wohlhabenden, freiheitlichen und sicheren Land geboren zu sein.Ich könne ihn allen nur empfehlen. Die Reformation sei auch ein Bekenntnis zur Gemeinschaft, ein gemeinschaftliches Projekt.

Nicht die Kirche schenkt uns den Glauben, wir leben den Glauben gemeinsam. Gehen Sie Zwingli schauen, es lohnt sich! Ich bin dankbar, dass die Reformation stattgefunden hat, nicht nur in Zürich, sondern auch hier in Bern, hier im Münster, im Sankt Vinzenz Stift.

Zwingli solle übrigens auch hier im Münster gepredigt haben, wurde mir gesagt. Die Reformation selber, die wurde ja beschlossen in der Disputation, die fand nicht hier, sondern etwas weiter oben statt, in der Barfüsserkirche.

Dort steht heute das Casino.Ich bin also dankbar, hier und heute zu leben. Diese Dankbarkeit, für alles was wir haben, sie sei die Grundlage für unsere Zufriedenheit und für unser Glück.

Die Erfolge der vergangenen Jahrhunderte und Jahrzehnte seit der Reformation, in der Aufklärung, seien beeindruckend. Unsere Gesundheit sei besser als je zuvor, unser Wohlstand sei grösser, die Armut sei weltweit kleiner, die Kriminalität nimmt ab, Gewalt nimmt ab, Kriege werden – trotz der Katastrophen in Syrien, Jemen oder Darfur – insgesamt weniger.

Der Hunger nimmt ab, Tote von Naturkatastrophen werden weniger und es werde sogar immer weniger Alkohol getrunken – was uns alle wiederum gesünder macht.Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich spreche hier nicht von Bern, oder der Schweiz, diese positiven Trends seien ein globales Phänomen. Die Fakten seien eindeutig! Der Menschheit geht es in fast allen Gebieten besser als früher.

Bessere Welternährung, mehr Demokratie, mehr Bildung für alle, mehr Chancen für fast alle, bessere Gesundheit. Die Welt habe sich in der UNO zusammengeschlossen, auch die Schweiz.

Und die UNO verfolgt die globalen Ziele zur Verbesserung der Welt, und dies durchaus mit Erfolg.Es gibt allerdings noch eine gewichtige Ausnahme des allgemeinen Trends hin zum Besseren, das sei das ökologische Gleichgewicht auf unserem Planeten: Die Meeresverschmutzung, der Klimawandel, das Artensterben. Hier sei der turnarund noch nicht geschafft.

Auch da bleibt die UNO dran, zum Beispiel mit dem Klimaabkommen von Paris. Denn nur die UNO, nur alle gemeinsam, können diese Probleme auch lösen.: Zum einen ordnet er die düstere Beurteilung der heutigen Verhältnisse einem grassierenden Zynismus zu.

Zudem beobachtet er gewisse Fehlfunktionen in der heutigen Mediengesellschaft. Will heissen: Kein Medienunternehmen werde sich davon überzeugen lassen, positive Meldungen zu verbreiten.

Der Normalfall findet in den Medien und somit in der öffentlichen Wahrnehmung einfach nicht statt. Und der Normalfall sei in der Regel dann, wenn alles gut läuft.

Gemeldet werden nur die Katastrophen.Kleinere Kindersterblichkeit: kein Thema! Dafür werde über jedes Fährunglück in Bangladesh berichtet. Reduktion der Armut in der Welt: kein Thema! Dafür erfahren wir über jede kindische Regung des amerikanischen Präsidenten.

Höhere Alphabetisierung in der Welt: findet in den Medien nicht statt. Aber wir werden informiert  über jedes schreckliche Gewaltverbrechen irgendwo auf der Welt. All diese Fortschritte, konnten und können nur miteinander erreicht werden.

Zusammenarbeit sei nicht immer einfach, Zusammenarbeit sei oft anstrengend und schwierig. Zusammenarbeit sei langfristig zielführend und deshalb immer besser als der Alleingang.Reichtum verpflichtet – Armut auch.

Ja. Das sei ein Aufruf.Solange es Armut gibt, seien wir verpflichtet, dagegen vorzugehen.

Ja, es gilt gemeinsam Lösungen gegen die Armut zu finden. Daran sollen alle mitwirken, Arme und Reiche gleichermassen.

Ja, Reichtum solle geteilt werden. Egal um welche Art von Reichtum es sich handelt.

Die einen teilen Geld, andere teilen Zeit, wiederum andere teilen Freude, sie teilen Anerkennung. Und Sie haben mir jetzt gerade 20 Minuten Aufmerksamkeit geschenkt.Reichtum verpflichtet – Armut auch.

Ja! Zu mehr Gemeinschaftlichkeit. Denn nur in Gemeinschaft sei der Mensch Mensch, nur in Gemeinschaft werden die Menschen menschlich..

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